Start Kleine Kinder Sommer, Sonne ... draußen spielen?
Sommer, Sonne ... draußen spielen? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dorothea Baumgartner   
Mittwoch, 01. Oktober 2008 um 06:27

Erinnern Sie sich noch? Als wir Kinder waren und es war Sommer, waren die Nachmittage Abenteuer. Nach der Schule, dem Mittagessen und den Hausaufgaben (das Ganze war spätestens um halb drei erledigt) ging es nach draußen - bis zum Abendessen.

Wir waren den ganzen Tag unterwegs und haben mit Freunden waghalsige Abenteuer erlebt, von denen unsere Eltern nichts ahnten.

Wir haben unsere Fantasie ausgelebt, indem wir Baumhäuser und Staudämme bauten oder mit unseren Puppen ein Picknick auf der nahe gelegenen Obstwiese machten. Beim Spielen fingen wir da an, wo wir am Tag vorher aufgehört hatten. Unsere Eltern, ja die waren natürlich nicht dabei. Wozu auch, wir hatten doch alles was wir brauchten. Die kleinen Geschwister wurden einfach mitgenommen, auch wenn das nicht immer freiwillig geschah.

Drinnen bleiben war eine Sache des schlechten Wetters, des Krankseins oder eine Strafe ("Hausarrest"). Draußen dagegen, da waren alle anderen, da spielte sich das wahre Leben ab.

Die Draußen-Abwenteuer haben nicht nur unser Bild der Kindheit geprägt. Gerade das tagelange (Rollen-)Spiel in und mit der Natur hat uns auch unvergleichlich viel gelehrt: Sensomotorische Fähigkeiten, Fantasie, Konzentration, Konflikt- und Problemlösungskompetenzen... und eine robuste Gesundheit gab`s gratis dazu. Wir haben unsere Umwelt Schritt für Schritt selbst erkundet, den Radius um unser Zuhause immer mehr erweitert - ohne Hilfe und ohne kontrolle von Erwachsenen. Das hat unser Selbstbewußtsein gestärkt und unsere Selbstständigkeit gefördert.

Und heute? Mancherorts mag es immer noch so sein wie wir es erlebt haben. Fast überall aber haben sich die Rahmenbedingungen für die Kindheit in den letzten dreißig Jahren drastisch verändert.

Weniger Kinder

Erstens gibt es heute einfach weniger Kinder. Wenn wir früher nach draußen gingen, konnten wir sicher sein, genügen "Auswahl" an Spielkameraden zu haben. Heute kann es einem Kind passieren, dass es ganz allein da steht, wenn es raus geht. Um draußen zu spielen muss sich ein Kind dann telefonisch verabreden - und teilweise zum Treffpunkt längere Strecken zurücklegen als es alleine bewältigen kann. Das erledigt dann "Taxi Mama" - ab auf den Rücksitz!

Weniger Zeit

Zweitens sind Kinder heute auch am Nachmittag viel stärker verplant. Mehr Hausaufgaben und vielfältige Freizeitaktivitäten lassen immer weniger Zeit für freies Spiel. Auch auf dem Land macht sich dieses Phänomen breit. Denn wo die Dorfschulen geschlossen wurden, verlieren schon Grundschulkinder bis zu zwei Stunden im Schulbus. Außerdem wohnt vielleicht der beste Kumpel aus der Klasse, mit dem man gerne spielen möchte, im Nachbarort. Also wieder: ab auf den Rücksitz!

Weniger Platz

Drittens finden Kinder heute draußen viel weniger Raum zum spielen. Früher gab es kaum Spielplätze - weil wir keine brauchten. Denn es gab genügend "Zwischenräume" wie Wiesen, Brachflächen, kleine Gehölze, Steinhaufen, Bäche, Kletterbäume etc. Was ist daraus geworden? Auf den Wiesen wurden Einfamilienhäuser und Parkplätze gebaut. Die Bäche bekamen neue "Führungen" - unsichtbar und Platz sparend unter Straßen. Die "wilden Ecken" schließlich wurden aufgeräumt, für`s Auge und damit kein Müll dort abgeladen wird. Und für Kinder wurden Reservate geschaffen: eben die Spielplätze.

Weniger Toleranz

Die wenigen Freiräume, die den Kindern zum Spielen bleiben, liegen oft siedlungsnah. Gesellschaftlich akzeptiert ist Kinderspiel aber nur noch auf dem Spielplatz. Anderswo werden lautes Johlen, das Klettern auf allem, was dazu einlädt, das Nutzen aller verfügbaren Materialien als Werkzeug oder Requisite häufig nicht toleriert.

Mehr Angst

Autos haben Kindern nicht nur den Platz weggenommen, sie sind auch die größte Gefahr für das freie Draußen-Spiel. Selbst wenn es Flächen gibt, auf denen Kinder gefahrlos spielen können - der Weg dorthin führt oft über Straßen. Die Angst davor, dass die Kinder ein Unfallopfer im Straßenverkehr werden, treibt manche Eltern dazu, sie z.B. im Auto zum Kindergarten oder in die Schule zu bringen: Ab auf den Rücksitz!

Aber das "Taxi Mama" ist eben auch eine Gefahrenquelle, nämlich für die anderen Kinder, die zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren! Verrückt, oder? Ich fahre mein Kind mit dem Auto, um mein Kind vor Autos zu schützen.

Aber nicht nur wegen des Verkehrs haben Eltern Angst um Ihre Kinder. Wer von uns ist schon frei von Sorge, wenn unsere Kinder nachmittags stundenlang draußen sind, ohne dass wir etwas von ihnen sehen oder hören? Missbrauch, Entführungen, brutale Übergriffe etc. sind heute statistisch nicht häufiger als zu unserer Kinderzeit, aber die mediale Allgegenwärtigkeit von Gewalt gegen Kinder lässt dieses im Grunde kleine Risiko übergroß erscheinen. Fazit: Viele Eltern lassen ihre Kinder lieber im eigenen Garten spielen als jenseits des Gartenzauns. Die Folge: Weniger Kinder (s.o.)!

Also: Keine Sommerabenteuer für unsere Kinder? Nur das nostalgische Schwärmen, wie toll es früher war? Nein, uns Eltern reicht das nicht. Denn diese Missstände sind kein unabänderliches Schicksal, sondrn wir können einiges dazu beitragen, die Situation zu verbessern.

Erste Hilfe: Mehr Zeit, Mehr Mut, weniger Auto

Gönnen Sie Ihren Kindern so viel wie möglich freie Spielzeit. Sport und Musik sind wichtig für die Entwicklung von Kindern, aber Spielen, vor allem draußen und zusammen mit anderen Kindern, ist - behaupte ich - noch wichtiger!

Bauen Sie in Ihrer Nachbarschft Kontakte auf, so dass Treffen mit Freunden für ihre Kinder nicht zum Organisations-Kunststück wird.

Kinder, die es nicht gewohnt sind, außerhalb von Spielplätzen draußen zu spielen, brauchenvielleicht einen kleinen Anstoß: Machen Sie mit Ihren Kindern und den FreundInnen aus der Nachbarschaft eine "Expedition" durchs Dorf oder durchs Quartier. Suchen Sie gemeinsam die spannenden Ecken und natürlich auch die verkehrssicheren Wege dorthin.

Und dann haben Sie den Mut und lassen die Kinder alleine losziehen. Loslassen ist nicht einfach, muss aber sein. Lesen Sie mehr über das Loslassen in unserem Erfahrungsbericht einer Mutter.

Wenn Sie Ihre Kinder irgendwo hinbringen, sei es zu FreundInnen, in die Schule, zum Training etc.: Alle Entfernungen unter drei Kilometer können Sie gemeinsam zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Die Zeit, die Sie dafür brauchen, gewinnen Sie dadurch zurück, dass sie die "pädagogisch wertvollen" Freizeittermine auf ein Minimum reduzieren - zugunsten des freien Spiels.

Wenn Sie dann merken, dass Sie ihr Auto (oder den Zweitwagen) gar nicht mehr so häufig brauchen, schaffen Sie ihn ab und machen statt dessen beim CarSharing mit. wo vorher das Auto geparkt hat, entstehen wieder zwei Quadratmeter mehr Spielfläche!

Gehen Sie selbst mehr raus - das ist nicht nur gut für Ihre körperliche Gesundheit. Denn draußen treffen Sie Ihre Nachbarnn, und gute soziale Kontakte in der unmittelbaren Wohnumgebung sind dem seelischen Wohlbefinden sehr zuträglich. Organisieren Sie doch mal ein Nachbarschafts-Sommerfest. Erfahrungsgemäß finden sich bei dieser Gelegenheit auch die Kinder und unternehmen, währen die Eltern sich beim SmallTalk näher kommen, Ausflüge in die Umgebung.

Aktualisiert ( Dienstag, 28. April 2009 um 12:03 )
 
 



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