Start Kleine Kinder Loslassen will gelernt sein
Loslassen will gelernt sein PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Lydia Morschhäuser   
Mittwoch, 22. April 2009 um 14:04

Loslassen will gelernt sein


Erfahrungsbericht einer Mutter

Als mein Sohn in die Schule kam, änderte sich nicht nur unsere morgendliche Kindergartenroutine. Nein, er beschloss seinen Aktionsradius auszuweiten, und zwar ohne mich. So erklärte er mir am ersten Schultag ganz stolz: "Mama jetzt bin ich ein Schulkind und gehe ab sofort allein in die Schule." Er hat es nicht wirklich weit, muss aber eine vielbefahrene Straße überqueren. Meine erste ...

bild 008

ernsthafte Heruasforderung in Sachen loslassen. Nach einigen Wochen, begleitet von genauesten instruktionen und ausgiebigen Kontrollen auf dem Balkon, sah ich: Er macht das wirklich super.

Heute ist er in der dritten Klasse, holt seine Schwester um 13.00 Uhr sehr zuverlässig aus der Betreuung ab. Die Organisation seiner sozialen Kontake regelt er überwiegend alleine, vom Anruf über die Terminabsprache bis hin zu einem längeren Fußweg. Manchmal geht er einfach auf den Kirchenvorplatz und spielt dort mit Kindern. Auch meine sechsjährige Tochter geht schon mal alleine bis zu ihrer Freundin, die um die Ecke wohnt. Oder traut sich in Begleitung ihres Bruders auch schon zu die nähere Umgebung zu erkunden.

Das erste Mal

Aber mit den Alleingängen meiner Kinder drängten sich mir immer wieder Fragen auf. Wann sind meine Kinder alt und vernünftig genug, um selbstständig und ohne den Schutz einer erwachsenen Person ihre Umwelt zu erkunden? Das erste Mal ist für fast alle Eltern die pure Aufregung! Aber wie sollten unsere Kinder ohne diese ersten Meisterleistungen und ohne die kleinen Herausforderungen, deren Bewältigung eine wesentliche Grundlage für ein gesundes Selbstwertgefühl ist, lernen, eine eigene Identität zu entwickeln?

Das erste Mal alleine zum Bäcker Brötchen kaufen ist doch schlichtweg eine große Aufgabe. Und wenn sie dann nach Hause kommen und die Bötchen erfolgreich mitbringen, sind sie unsagbar stolz und zufrieden mit sich. Sie haben ihr Ziel ohne Mithilfe der Eltern geschafft. Ein kleines Stück Autonomie entsteht, und mit jeder bewältigten Aufgabe wachsen Mut und Selbstvertrauen. Mit jeder gescheiterten Aufgabe, sofern sie das Kind nicht überfordert, lernt es die eigenen Grenzen auf positive Weise Kennen, sich selbst besser einzuschätzen, und erwirbt so mehr Risikokompetenz.

Kinder zur richtigen Zeit loszulassen ist für viele Eltern immer wieder aufs Neue eine große Herausforderung. Wie oft habe ich mir die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt gestellt, bei jedem Kind aufs Neue. Meine Kinder gehen ganz anders mit all diesen Dingen um und ich muss zugeben, wenn ich mich mal von all meinen Sorgen befreie, beobachte ich Erstaunliches. Für sie sind die Straße mit all den Autos, der Kirchvorplatz, der Schulhof und viele andere Plätze ein Teil ihrer Lebenswelt, die sie von Kleinkindalter kennen. Sie haben mit uns gemeinsam den Straßenverkehr bewältigt und sind wieder und wieder die gleichen Wege gegangen. Wir haben ihnen all die vielen Verkehrsregeln eingeschärft und immerzu geübt, welche Verahltensweisen in den entsprechenden Situationen angemessen sind. Und nun wollen sie all das Gelernte alleine umsetzen. Eigentlich wunderbar!

Mit der Zeit ist meine Zuversicht gewachsen und die sorgenvollen Gedanken haben sich relativiert. Vieles was mich bei meinem ersten Kind noch schlaflose Nächte kostete, nehme ich bei meiner Jüngsten viel gelassener. Ich freue mich umsomehr über die vielen kleinen Erfolgserlebnisse und stelle fest, das meine Kinder kompetente kleine Persönlichkeiten sind, die mit Freude, Mut und Zuversicht in sehr individueller Weise ihren Aktionsradius erweitern.

Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Verkehrsrelgeln, wenn Kinder groß werden, schenk ihnen einen Stadtplan!

Wie habe ich einen Kompromiss gefunden zwischen meinem Bedürfnis, meine Kinder vor möglichen Gefahren zu schützen, un der Aufgabe, ihr natürliches Streben nach Selbstständigkeit und Unabhängikeit adäquat zu unterstützen?

Viele grundlegenden Erfahrungen haben meine Kinder gemeinsam mit mir gemacht. Sie konnten sich ausprobieren und haben sich durch meine Anwesenheit beschützt gefühlt. Ich kannte ihr Verhalten und habe so den Eindruck über ihr Wesen erhalten, die Fähigkeiten, aber auch der Grenzen meiner Kinder. Gleichzeitig gaben mir alle unsere gemeinsamen Aktivitäten die Chance, ihnen Verhaltensregeln zu vermitteln, so dass sie ihre Kompetenzen festigen und erweitern.

Aber mit zunehmenden Alter habe ich meinen Kindern auch Zeit und Möglichkeit gegeben, ohne mich ihre Umgebung zu erforschen, Ideen umzusetzen, die ich vielleicht nicht immer erlaubt hätte, die aber für sie sicherlich einen hohen Erfahrungswert hatten; sich selbst im Umgang mit der Umwelt auszuprobieren, mit den eigenen Grenzen und Möglichkeiten experimentieren; Es alleine schaffen, ohne die eingreifende Hilfe der Eltern.

Mutige Eltern

Ich glaube, das sind Erfahrungen, die Kinder gerade in der heutigen Zeit brauchen. Anforderungen und Freiheiten sollten die Kinder nicht überfordern oder ständig frustrieren. Um so mehr sind die Eltern heute gefordert, zwischen ernsthaften Gefahren und überzogenen Ängsten zu unterscheiden. Aufklärung ist ein wichtiger Bestandteil unserer Erziehungsarbeit. Nur ein gut vorbereitetes Kind ist in der Lage auf mögliche Gefahren kompetent zu reagieren. Und aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass wir manchmal die Fähigkeiten unserer Kinder unterschätzen.

Ich denke, Loslassen erfordert viel Mut und Zuversicht und ist immer wieder eine Gradwanderung, wenn es darum geht, wie viel Autonomie und Freiheit wir einem Kind zugestehen. Und letztlich gibt es keine allgemeingültigen Antworten auf all diese Fragen. Aber ich bin mir sicher, Kinder profitieren in einem hohen Maß von mutigen und zuversichtlichen Eltern!

Aktualisiert ( Dienstag, 19. Mai 2009 um 08:00 )
 
 



Wie finden Sie Kunterbunt-online.com?
 

Empfohlene Links:

Banner
Banner
Banner