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Achtsamkeit im Leben mit Kindern PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Lienhard Valentin   
Montag, 02. April 2007 um 00:00

Im Laufe der Jahre ist das Thema „Achtsamkeit“ im Leben mit Kindern immer mehr ins Zentrum unserer Arbeit gerückt. Wie sich über die nunmehr fast 20 Jahre die der Verein „Mit Kindern wachsen“ existiert gezeigt hat, bildet die Fähigkeit, im gegenwärtigen Moment einfühlsam anwesend zu sein und mit Kindern in einem wirklichen Kontakt zu treten den Nährboden, auf dem sie sich ihrer inneren Natur gemäß entfalten und wachsen können sowie ...

die wichtigste Bedingung für eine harmonische Beziehung. Immer wieder zeigt sich in unseren Seminaren, dass selbst die besten pädagogischen Ansätze in die Irre führen, wenn sie zu fixen Ideen werden, wie sich Kinder entwickeln „sollten“ und sich so zwischen uns und die Kinder stellen. Im Kontext der Waldorf-Pädagogik spricht man gerne von „Versteinerung“, was dort verständlicherweise nahe liegt, aber das selbe Phänomen lässt sich auch überall sonst beobachten. Wir möchten ja nichts falsch machen und da schauen wir auf die Vorbilder, die uns eben besonders ansprechen – seien dies nun Maria Montessori, Emmi Pikler, Jean Liedloff oder wer auch immer. Die Diskussionen, was nun der bessere Ansatz ist, können sich endlos hinziehen – aber letztlich führen sie uns nicht viel weiter, da es den absolut richtigen Weg oder die absolute Wahrheit einfach nicht gibt. Was in einer gegebenen Situation angemessen ist, lässt sich letztlich nur in der Situation selbst wahrnehmen. Natürlich hat alles was wir tun oder nicht tun Folgen. So ist es auch sehr empfehlenswert, immer wieder darauf zu achten, wie es einem Kind mit uns geht.

In unserem persönlichen Fall war das sehr schnell klar, dass wir der Empfehlung von Emmi Pikler, dass die Kinder in ihrem eigenen Bett schlafen sollten, nicht folgen, sondern ein Familienbett einrichteten. Unser Sohn zeigte uns von Anfang an mehr als deutlich, dass er nicht alleine schlafen wollte. Das heisst aber noch lange nicht, dass ein Familienbett für alle Kinder das Ideal ist. Ich habe genauso Kinder erlebt, denen es im eigenen Bett sehr viel besser ging. Insofern müssen wir jede Familiensituation genau ansehen, uns so gut wie möglich einfühlen und unsere Intuition entwickeln.

Was uns daran hindert, wirklich in Kontakt zu sein, sind vielleicht auch unsere Ängste – die Angst, etwas falsch zu machen, die Angst was die anderen denken könnten, die Angst vor dem Unbekannten. Jiddu Krishnamurti macht in einem Beitrag auf besonders radikale Weise deutlich, wie sich die Angst auf unser Leben auswirkt und wie sie dazu führt irgendwelchen äußeren Autoritäten zu folgen, statt das Risiko einzugehen, unser Leben wirklich zu leben.

Damit möchte ich sagen, das es falsch wäre Vorstellungen und Ideen zu haben wie wir am besten mit Kindern umgehen oder sich intensiv mit einem pädagogischen Ansatz auseinander zu setzen. Im Gegeteil – alle Anregungen und Vorschläge zum Leben mit Kindern, die mich ansprechen, genau zu durchdenken und zu hinterfragen sind ein wesentlicher Bestandteil eines geistigen Verdauungsprozesses, der es mir ermöglicht eine eigene Meinung und einen eigenen Standpunkt zu bilden. Dazu gehört aber auch, dass wir uns bewusst sind, welche Ideen wir haben und dass wir so weit wie möglich offen sind für das Unerwartete. Denn letztlich gibt es „das Kind“ im allgemeinen nicht, sondern immer ein konkretes Individuum in einer konkreten Situation. Und das wird immer wieder in irgend einer Weise aus dem pädagogischen Rahmen fallen, den wir uns im Laufe der Zeit zugelegt haben. Jeder Moment ist neu und noch nie dagewesen und wenn wir nicht achtsam sind, können wir ihn und damit das Leben leicht verpassen.

Dies wird inzwischen auch von der modernen Gehirnforschung bestätigt. Zum Abschluss eines Vortrages bei einer pädagogischen Tagung sagte Harald Hüther, dass aus biologisch-neurologischer Sicht unser Gehirn in dem Moment zu degenerieren beginnt, wo wir denken, wir wüssten nun, wie man richtig mit Kindern umgeht. Denn sobald wir das glauben, sind wir nicht mehr wirklich anwesend, sondern handeln aus unserer Vergangenheit oder aus unseren Ideen heraus. Weiter entwickeln kann sich das Gehirn, wenn wir weiter fragen und forschen, wenn wir offen sind für das, was im gegenwärtigen Moment tatsächlich geschieht.

Besonders kritisch ist es in diesem Zusammenhang auch, wenn wir pädagogischen Ideen folgen, die nicht wirklich mit unserem inneren Gefühl übereinstimmen – d.h. wenn wir der Empfehlung eines „Experten“ folgen, obwohl wir ein ungutes Gefühl dabei haben. Aber auch wenn wir einen pädagogischen Ansatz unverdaut übernehmen und „alles richtig“ machen, verpassen wir die Beziehung zum Kind.

In der psychologischen Forschung spricht man in diesem Kontext auch von Repräsentanzen“, in der Gestalt-Arbeit von „Introjektionen“. Gemeint ist damit, dass wir nicht wirklich authentisch aus uns selbst handeln, sondern nach einer von außen unverdaut übernommenen Idee. Diese können wir aus unserer Herkunftsfamilie unbewusst übernommen haben, sie kann aber auch eine pädagogische Idee sein, die wir aus einem Buch oder aus einem Seminar übernommen haben. Wie sich gezeigt hat, reagieren Kinder verunsichert oder auch ärgerlich, wenn die Bezugspersonen nicht authentisch ist. David Siegel und Mary Hartzell beschreiben das sehr schön in ihrem Buch „Gemeinsam leben – gemeinsam wachsen“. Wir fühlen uns nur dann in Verbindung mit anderen Menschen, wenn dieser wirklich da ist und sich auf einen direkten Kontakt einlässt. Und wir brauchen ein Gegenüber, das mit uns in Resonanz ist, um uns gesehen und angenommen zu fühlen. Damit sich ein Mensch nach seinem inneren Gesetz entfalten kann, reicht es nicht aus, ihm eine vorbereitete Umgebung zu schaffen – um seine wahre Natur entdecken zu können, brauchen wir die Resonanz eines anderen Menschen. Schon Martin Buber betonte, dass das Ich am Du zum Menschen wird. Dies bedeutet auch, dass sich unser inneres Potential, unser wahres Wesen, nur dann wirklich entfalten kann, wenn es gesehen und angenommen wird. Natürlich braucht es dann auch eine entsprechende vorbereitete Umgebung, aber ohne Resonanz, ohne eine echte Beziehung, kann sich die wahre Natur eines Menschen in den seltensten Fällen entwickeln.

Dies ist auch der Grund, warum die essentielle Gestaltarbeit wie sie von Katharina Martin entwickelt wurde eine solch zentrale Rolle in unserer Arbeit spielt. Uns wirklich auf unsere Kinder einzulassen und mit ihnen zu wachsen ist ein echtes Abenteuer. Immer wieder müssen wir feststellen, dass sich irgendwelche fixen Ideen wie Kinder sein sollten oder die Folgen unserer eigenen Erziehung zwischen uns und unsere Kinder stellen. Aber uns ist auch die Fähigkeit gegeben, bewusst wahrzunehmen und von unserem Herzen aus zu antworten, statt automatisch zu reagieren. Dieser Weg ist sicherlich nicht immer leicht, aber er ist auch eine unvergleichliche Chance selbst innerlich zu wachsen.

Was unverzichtbar zu einem solchen Weg gehört, ist auch, dass wir es uns selbst zugestehen, dass wir nicht vollkommen sind. Wir werden immer wieder an unsere Grenzen kommen, werden Fehler machen und unsere Kinder verletzen. Aber Brüche können wieder heilen. Unsere Kinder haben auch eine Kraft mitbekommen, die ihnen hilft, unsere Unvollkommenheit zu verarbeiten. Wenn wir bereit sind, uns immer wieder neu auf sie einzulassen, sie für das zu sehen und anzunehmen, was sie sind, haben sie die besten Chancen, ihr inneres Wesen in der Welt zu verwirklichen und sich den Herausforderungen des Lebens auf kreative Weise zu stellen.

Pädagogische Richtlinien und Traditionen sind wie Straßenlaternen, die den Weg beleuchten sollen – aber nur Betrunkene halten sich daran fest.

www.mit-kindern-wachsen.de

Aktualisiert ( Donnerstag, 30. April 2009 um 17:30 )
 
 



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