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Neue Ziele - neue Wege - kleine Schritte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Birgitta Goldschmidt   
Sonntag, 06. Juli 2008 um 00:00
Wenn unsere Vorstellungen von einer modernen Gesellschaft so aussieht, dass die Menschen

- friedlich zusammenleben und sich gegenseitig respektieren,

- über ihre Rechten und Pflichten informiert sind und sie anzuwenden wissen,

- bestrebt sind, Zukunft so zu gestalten, dass künftige Generationen eine lebenswerte Welt vorfinden, und

- dafür ihr Talente entwickeln können und ihre Fähigkeiten einsetzen wollen, dann ist die Bildung deren Fundament.

Denn Menschen sind nicht "von Natur aus" so wie hier beschrieben. Vielmehr müssen viele "natürliche" Eigenschaften und Triebe wie Angst, Agression und Selbsterhaltung eingedämmt bzw. in konstruktive Bahnen gelenkt werden. Andere ...
Eigenschaften müssen gestärkt und unterstützt werden, z. B. die Mutter-Kind-Bindung oder die Tatsache, das die "Art Mensch" eine soziale Lebensform pflegt. Diese Kulturleistung ist immer wieder zu vollbringen, an jedem Einzelnen ein Leben lang.

Der Abschied vom Bildungsbürger

Heranwachsende so zu begleiten, dass sie in diesem Sinne geformt werden ohne sich verbiegen zu müssen, dass sie zu kulturellen Wesen werden, ohne ihre Natur zu verleugnen, dass sie ihren individuellen Weg gehen können und gleichzeitig im o. g. Sinne mündige Bürger werden, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wenn aber Bildung eine gesellschaftliche Aufgabe ist, dann kann sich niemand – keine Person und keine Institution - der Verantwortung entziehen. Und wenn das Ziel der Bildung das oben beschriebene Leitbild einer modernen Gesellschaft ist, müssen alle Fragen zur Bildung kritisch an diesem Ziel gemessen werden. Das gilt insbesondere für die Institution, der unsere Gesellschaft eine zentrale Rolle in der Bildung zuweist: die Schule.
Das ist durchaus keine triviale Feststellung. Denn Schule, wie sie heute ist, ist das Relikt einer Gesellschaft, die ganz andere Ziele mit der Schule verfolgt hat. Die ersten Schulen in menschlichen Kulturen waren Einrichtungen der Erwachsenenbildung, vergleichbar mit heutigen Privat-Universitäten. Sie sicherten das die Weitergabe des Wissens und damit die Vormacht einer privilegierte Gesellschaftsschicht. Auch Schulen für Kinder waren zunächst einer kleinen Elite vorbehalten. So gesehen war die Einführung der staatlichen „Volksschule“ eine Errungenschaft: Alle Kinder lernten Lesen, Schreiben und Rechnen und waren so prinzipiell in der Lage, sich gegen Bevormundung und Unterdrückung zu wehren. Andererseits hat der Staat „seine“ Schulen auch immer wieder dazu missbraucht, nicht mündige Bürger, sondern willfährige Untertanen heranzuziehen.
Schule in Deutschland ist heute immer noch geprägt von den intellektuellen Bildungsidealen des Bürgertums im 19. Jahrhundert. Es geht darum, viel zu wissen, Wissen anzuwenden und zu erweitern, abstrahieren und debattieren zu können, sich auf der Bühne der Gesellschaft souverän bewegen zu können. Natürlich sind das auch heute noch wichtige Bildungsziele. Aber sie verdienen heute nicht mehr den abgehobenen Stellenwert, der ihnen immer noch beigemessen wird. Denn immer noch wird die intellektuelle Intelligenz als höherwertig empfunden

gegenüber anderen Begabungen. Das zeigt sich am deutlichsten an der Bezahlung von Lehrern: Denn aus welchem anderen Grund sollten sonst Gymnasiallehrer mehr verdienen als Hauptschullehrer?
Auf Grundlage einer unvoreingenommenen Beurteilung der Arbeitsbedingungen müssten Hauptschullehrer die bestbezahlten Lehrer sein! Natürlich braucht unsere Gesellschaft auch heute die Intellektuellen, die in Wissenschaft und Politik ihren Beitrag zur modernen Gesellschaft (s. o.) leisten. Deshalb brauchen wir auch Schulformen, die die intellektuell begabten Kinder fördern. Aber wir sind ebenso angewiesen auf Menschen, die geschickte Hände haben, die gut mit Menschen umgehen können, die präzise und gewissenhaft arbeiten. In einer Zeit, in der Familie und Religion vielen Kindern keine soziale Orientierung mehr geben, in einer Welt, die zum Dorf geworden ist, in dem sich die unterschiedlichsten Kulturen auf Schritt und Tritt begegnen, sind soziale Kompetenzen ebenso wichtig wie intellektuelle. Nicht das gute Abschneiden bei PISA, sondern die „Menschenbildung“ muss daher in den allgemeinbildenden Schulen im Mittelpunkt stehen: die Vermittlung von Werten, Mitleidensfähigkeit und Handlungskompetenz.

Die Bildungsdebatte

In der Konzentration auf das Wesentliche, in der Orientierung am eigentlichen Ziel von Bildung liegt der Kern einer Lösung für die Misere im Bildungssystem. Die öffentliche Diskussion geht oft am eigentlichen Problem vorbei. Es geht weniger um die Frage nach der Existenzberechtigung der Hauptschule oder nach dem Sinn oder Unsinn von Ganztagsschulen. Es hilft auch nicht weiter, die Schuld für Respekt- und Disziplinlosigkeit von SchülerInnen, für Gewalt an Schulen zwischen Elternhaus, Gesellschaft und Schule dauernd hin und her zu schieben. Natürlich wäre ein Schulsystem ideal, das jeden Schüler individuell fördern kann. Dafür bräuchten wir aber mehr Lehrkräfte und materiell besser ausgestattete Schulen - sprich: mindestens doppelt so viel Geld. Natürlich wäre es toll, wenn lauter wohlerzogene Kinder zur Schule gingen. Dafür bräuchten wir aber intakte Familien- und Sozialstrukturen. Beides ist erstrebenswert, aber in absehbarer Zeit nicht zu erreichen.

Was es schon lange gibt, sind private Alternativschulen, die die Probleme erkannt haben und Kindern mit visionären Konzepten reale Bildung bieten (s. Kasten „Alternative Schulformen“). Ein Beispiel dafür ist die neu gegründete Waldorfschule in Kastellaun (s. Artikelin dieser Ausgabe). Solche Schulen sind wunderbar und ihre Arbeit zeigt, dass es eben auch anders geht. Viele ihrer Ideen und Methoden haben mittlerweile auch Eingang in die Regelschulen gefunden. Aber seien wir ehrlich - dies sind Nischenschulen, die unter idealen Bedingungen arbeiten: Kleine Lerngruppen, Kinder aus bildungsnahen, meist mehr oder weniger wohlhabenden Familien, extrem engagierte und finanziell genügsame Lehrkräfte, Schulgeld … Damit sind diese Schulen leider kein Modell für die „breite Masse“.
Sehen wir also der Realität ins Auge: Die meisten Kinder besuchen Regelschulen. Dort gibt es wenige Lehrer für viele „schwierige“ Kinder. Schwierig in dem Sinne, dass ihr Verhalten den Unterricht im herkömmlichen Sinne erschwert oder gar unmöglich macht. Das hat zwei wichtige
Konsequenzen:


Mut zur Lücke

Erstens: Die Bildungsziele, die in den Lehrplänen oder Bildungsstandards gefordert sind, können nicht erreicht werden. Also bleibt gar nichts anderes übrig als Abstriche zu machen. Positiv ausgedrückt: Es müssen Prioritäten gesetzt werden. In dem Augenblick, in dem Prioritäten gesetzt werden müssen, brauchen wir genaue Vorstellungen von dem Ziel, das wir erreichen wollen. Wir müssen diejenigen Dinge finden, die besonders gut geeignet sind, das Ziel zu erreichen. Gerade also dann, wenn wir besonders weit weg von dem Ziel sind, wenn die Bedingungen, es zu erreichen, besonders schlecht erscheinen, brauchen wir die Orientierung an diesem Ziel besonders dringend.

Die eigentlich entscheidende Frage in der aktuellen Bildungsdiskussion müsste also lauten: „Was sollten wir wirklich lernen?“ Niemand mag sich dieser Frage wirklich stellen, denn erstens will sich niemand eingestehen, dass die hehren Bildungsziele, der unsere Gesellschaft hinterherläuft, nicht erreichbar sind. Zweitens fangen hier die disziplinären Grabenkriege an: Welcher Mathematiker verzichtet schon gerne auf das Bildungsziel „Lösen quadratischer Gleichungen“, welcher Biologe auf die Lehreinheit „Bau und Verhalten von Reptilien“? Und welcher Berufs- oder Hochschullehrer möchte gerne den Schulabsolventen erst einmal „Nachhilfe“ geben, bevor er mit der Vermittlung seines Stoffes beginnen kann?

Das Disziplin-Problem

Zweitens: Der Lehrer „mutiert“ zwangsläufig zum Erzieher. Auch dagegen wehren sich die Lehrer, weil es nicht ihrem Selbstverständnis und ihrem Berufsbild entspricht. Ungeachtet dessen stoßen uns all diese uninteressierten und undisziplinierten Kinder mit der Nase auf eine zentrale Antwort auf die Frage „Was sollten wir wirklich lernen?“ Natürlich zunächst einmal die Voraussetzungen für jedes Lernen: Interesse und (Selbst-)Disziplin, im Grunde all die klassischen Kriterien, die für die Beurteilung der „Schulfähigkeit“ von Kindern herangezogen werden (s. Artikel zur Schulfähigkeit in dieser Ausgabe). Diese Kompetenzen sind aber teilweise auch bei Zehntklässlern noch nicht ausgebildet. Vielmehr entwickeln sie sich erst während der Schulzeit – und darauf muss sich Schule einstellen, sonst kann sie ihre Arbeit nicht tun!


Die Ursache für das „Disziplin-Problem“ ist aber eigentlich ganz simpel. Wenn ich dreißig Kinder mit Bewegungsdrang und Kommunikationslust dazu bringen will, sich lange Zeit auf ein von mir vorgegebenes Thema zu konzentrieren und dabei still zu sitzen, dann brauche ich entweder ein unglaubliches Charisma, einen spannenden Krimi oder Gewalt. Ersteres haben die wenigsten, zweiteres eignet sich nur selten als Unterrichtsmethode, und letzteres ist zum Glück als Disziplinierungsmittel nicht mehr erlaubt. Wenn unsere Gesellschaft sich aber entschieden hat, Kinder nicht mehr mit physischer oder psychischer Gewalt im Zaum zu halten, dann muss sie sich auch von den Strukturen und Methoden verabschieden, die nur mit Gewalt durchführbar sind. Sprich: Wir brauchen kleinere Lerngruppen, viel Zeit für Bewegung und viel Raum für Kommunikation. Wenn wir Jugendliche nach ihrer Traumschule fragen, dann fallen ihnen vor allem Verbesserungen im Bereich der Pausen ein, denn sie kennen nur die Pausen als die Zeiten, in denen sie das tun können, was ihren Bedürfnissen entspricht: Kontakte pflegen und über Wichtiges reden (s. fiktiver Dialog zwischen Dennis und Silvia in dieser Ausgabe – geschrieben von einer 13jährigen!).


Mutige Lehrer sind zufriedene Lehrer

Aus diesen Überlegungen nun Forderungen an Lehrkräfte ableiten zu wollen, wäre wohl anmaßend. Wer einmal als Laie vor einer achten Klasse gestanden und vergeblich versucht hat, wenigstens zehn Minuten lang die Hälfte der Klasse für das zu interessieren, was man zu erzählen hat - für den sind Lehrerinnen und Lehrer Helden! Die meisten von ihnen meistern die Quadratur des Kreises! Dennoch glaube ich, dass sie sich leichter täten, wenn sie den Mut hätten, sich von den Vorgaben und Erwartungen der Lehrpläne, der Aufsichtsbehörden, der Kollegen etc. zu lösen. Natürlich muss man als Lehrer über seinen fachlichen Schatten springen, um z. B. eine Fach-Stunde, in der man „nichts weiter“ gemacht hat als eine neue Verhaltensregel zu erklären und einzuüben, als einen Gewinn zu betrachten. Aber in der Tat gewinnt die Gesellschaft mehr an Kindern, die gelernt haben, respektvoll miteinander umzugehen, als an Kindern, die über Fachwissen verfügen.


Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die zufriedensten Lehrer diejenigen sind, die sich selbst als „Dienstleister“ für die Schüler begreifen und in dem Apparat um sie herum keine erdrückende Fülle an Vorgaben, sondern eine Vielfalt an Dienstleistung für sich selbst sehen: Die Lehrpläne geben mir eine Orientierungshilfe bei der Auswahl meiner Unterrichtsinhalte, die Aufsichtsbehörde nutze ich als Beratungs-Institution und die Schulleitung hält mir den Verwaltungskram vom Hals.

Konstruktiv kritische Eltern

Die andere Gruppe von Erwachsenen, die tagtäglich mit der Schulrealität auskommen müssen, sind die Eltern. Auch sie müssen weder rosigen Träumen nachhängen noch verzweifeln. Eltern sollte zunächst klar sein, dass sie selbst der wichtigste Baustein in der „gesamtgesellschaftlichen Aufgabe Bildung“ sind. Schulen können nur notdürftig Defizite der familiären Bildung auffangen. Wenn hier gesagt wurde, dass Lehrer erzieherische Aufgaben übernehmen müssen, dann ist das lediglich ein Tribut an einen mangelhaften Zustand. Denn die Vermittlung von Werten und Umgangsformen ist und bleibt eine originär familiäre Aufgabe! Schule soll das leisten, was die Familie nicht leisten kann – nicht umgekehrt!
Gerade weil die erste und wichtigste Verantwortung der Bildung in der Hand der Familie liegt, sollten Eltern sich in der Schule einmischen - aber bitte konstruktiv! Eltern treten oft erst dann auf den Plan, wenn sie der Meinung sind, dass ihre Kinder zu schlechte Noten bekommen haben. Geben Sie doch mal einem Lehrer ein positives Feedback. Gehen Sie beim nächsten Elternsprechtag bewusst zu einem Lehrer hin, mit dem ihr Kind eben keine Schwierigkeiten hat, sondern bei dem es gern Unterricht hat – und sagen sie es ihm.
Eltern sollten wissen, wie es in der Schule wirklich zugeht. In allen Schulen gibt es die Möglichkeit der Hospitation, also der stillen Teilnahme an einzelnen Unterrichtsstunden. An Projekttagen können Eltern selbst mal in die Rolle des Lehrers schlüpfen und erfahren, dass Bildung „Schwerstarbeit“ ist. All das wird ihre Bereitschaft, aber auch ihre Fähigkeit, Schule mitzugestalten, steigern.
Wenn wir es schaffen, uns von überkommenen Bildungsidealen zu lösen, uns auf das heutige Ziel von Bildung zu konzentrieren, und den Weg dorthin mit kleinen Schritten in der Realität beginnen, dann müssen wir nicht einstimmen in den großen Katzenjammer um unser Bildungssystem, sondern können im Schulterschluss zwischen Eltern und Lehrern unseren Kindern eine zukunftsfähige Bildung bieten.Und wie sehen Sie das? Schreiben Sie uns! Wir sind gespannt auf Ihre Meinung zu diesem Thema und freuen uns auf eine rege Diskussion!

Aktualisiert ( Dienstag, 28. April 2009 um 12:04 )
 
 



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